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IM INTERVIEW: JULIA BENZ

IM INTERVIEW: JULIA BENZ
„Es ist fertig, wenn es die Information hat, die es braucht um zu funktionieren.“

Julia Benz Werke habe ich schon länger auf der Bildfläche. Wusste aber nie so recht, wer dahinter steckt. Als ich dann bei der Pressevorführung von Matthias Arfmann´s „Ballet Jeunesse“ war und die Illustrationen der einzelnen Titel entdeckte, knüpfte sich nach und nach die Verbindung in meinem Kopf. Kurzer Hand schrieb ich Julia eine Mail und besuchte sie und ihren Hund in ihrem Atelier. Julia gehört für mich zu den Frauen, die nicht nur reden sondern machen. Da ich eh finde, dass Komplimente in unserer Gesellschaft viel zu kurz kommen: Julia, du bist eine wirklich tolle Person. Ich bewundere dich für deine Power. Und dann biste du auch noch so ne Hübsch. #Lobdudelei

Du warst 2014 und 2015 im Sudan. Was hast du denn da genau gemacht?
Ich wurde 2014 vom Goethe Institut eingeladen 2 Wochen lang einen Malworkshop – Urban Arts, Kultur meets Junge Leute – in Khartum zu halten. Da saß ich dann vor Leute, die mich alle mit erwartungsvollen Gesichtern anschauten und erzählte denen irgendwas von: „Ja, wir können hier Wände malen und ihr könnt malen was ihr wollt.“ lacht Die ersten paar Tage wurde ich sehr kritisch beäugt. Bis ich dann ein paar Filme gezeigt haben und mehr über mich erzählt habe. Da waren sie dann doch begeistert. Es war eine tolle Erfahrung. Am Ende gab es ein Festival bei dem die Kunstwerke ausgestellt wurden. Ich habe mich dann sozusagen in dieses Projekt eingeheiratet. Was soviel heißt wie, dass ich jetzt für die Urban Arts zuständig bin. Ich habe mir auch zwei Künstler eingeladen, die mich in verschiedenen Bereichen unterstützen. Es gibt vor Ort viele Künstler, die hoch talentiert sind und geile Sachen machen, aber es gibt wenig Support seitens der Gesellschaft, vielleicht zwei Galerien. Dort Künstler zu sein, ist eine Entscheidung. Wir sind 3 Wochen vorher hin gereist und haben versucht Wände klar zu machen. Es gab bis dato keine bemalten Wände innerhalb der Stadt. Natürlich wussten wir, wenn wir die ersten zwei Wände haben, dann läuft der Rest, aber die erst mal zu kriegen, dass hat eine ganz schöne Zeit gedauert. Es war enorm viel Arbeit, aber dann funktioniert es und wir hatten plötzlich ganz viele Spots in der Stadt und die Künstler haben sich dann selber um Wände gekümmert und es kamen Leute: „Ey, ich hab noch eine Wand.“ Das heißt bis jetzt, 6 Monate nach der zweiten Runde, ist die Stadt voller Wände und es ist ein Selbstläufer geworden mit einer riesen mediale Aufmerksamkeit. BBC für die Arabischen Länder und BBC World haben bereits darüber berichtet.
Für mich ist das natürlich weniger auf der künstlerischen Seite, natürlich inspiriert es mich dort hin zureisen, aber ich lerne viel mehr über die Kunstwelt und erweitere meinen Horizont. Ich stehe im Austausch mit anderen Künstlern aus anderen Kulturen und wie da die Idee von Kunst ist. Ich sehe das mehr als Persönlichkeitsschule.

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Wie sah es denn mit der weiblichen Beteiligung unter den Teilnehmern aus? Nahmen viele Frauen an deinen Workshops teil?
Sie sind da, es gibt sie. Wir haben auch Frauen in unseren Workshops gehabt, aber von der Zahl her, sind es nicht so viele wie Männer. Vielen war es auch nicht erlaubt, draußen zu malen. Da muss man aber zwischen Tradition und Religion unterscheiden. Dass Frauen weniger auf der Straße zu suchen haben, sondern eher Herrin des Hauses sind, hat jetzt weniger mit dem Islam zu tun. Klar gab es auch Mädels, die draußen gemalt haben, dass war gar kein Thema. Wir hätten aber gerne mehr dabei gehabt. Viele müssen sich zuhause um die Familie kümmern.
Ich habe viel erzählt wie es bei uns so läuft, aber es war mir auch extrem wichtig zu erfahren wie es bei ihnen läuft. Ich bin mir meines privilegierten Daseins sehr bewusst geworden, dass ich deutsch bin, weiß und hier (Berlin) lebe. Ich sehe es auch als meine Verantwortung, das vielleicht auch auszunutzen. Das habe ich auch vor Ort den Künstlern kommuniziert: „Hey, ich weiß bei uns ist vieles einfacher. Wir leben nicht in einer Diktatur, … Ich kann jetzt nichts daran ändern, aber ich kann meinen Namen dafür nutzen oder die Wand, die ich in Düsseldorf gemalt habe, damit wir Wände zum Malen kriegen.“ Es geht nicht darum, dass ich ihnen die Wände klar machen, das ist alles ein Spiel – der Kunstmarkt ist ein Spiel. Du kannst dich dagegen auflehnen, wirst aber nicht weiter kommen oder du spielst mit und dann machst du action.

„Der Kunstmarkt ist ein Spiel.“

Das tolle an diesem Projekt ist, dass es am Ende gefeiert wird. Wir pushen es sehr viel und geben uns Mühe es zu kommunizieren. Wir wollen nicht dahin kommen müssen, damit es stattfindet. Es soll von selbst funktioniert. Das ist uns sehr wichtig.

Würdest du sagen, dass Mann und Frau in der Malerei gleichgestellt sind?
Nein!

Du hast dich von Anfang an dafür entschieden durch deinen Namen als Frau erkennbar zu sein. Hast du jemals über ein Synonym nachgedacht oder diesen klaren Schritt bereut?
Ich habe gerade noch zu künstler Freunden gesagt, dass ich es manchmal bereue nicht nur Benz genommen zu habe. Ich hätte gerne damit gespielt, dass man nicht weiß ob männlich oder weiblich. Ich komme ja eigentlich aus der klassischen Malerei, da gibt man sich keinen „Brand Namen“. Als ich angefangen habe zu malen wusste ich noch gar nicht, dass es um Selbstvermarktung geht, wenn man Künstler ist. Ich wollte malen und das war´s. In der Urban Art Szene ist es eben nicht so. Ich bewege mich zwischen der klassischen Kunst und Urban Art. Ich würde jetzt am Ende sagen: „Nein, es ist gut, dass ich meinen vollen Namen preisgegeben haben und die Leute so wissen, dass ich eine Frau bin.“ Die weibliche Position in der Kunst, sollte eh viel stärker präsent sein. Je länger ich als Künstlerin arbeite, desto mehr bekomme ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen das Bedürfnis für die Frauen einzustehen. Ich höre Sprüche wie: „Das sind so typische Mädchen Bilder.“ oder „Die benutzt immer nur so Pink …“ Was an sich ja stimmt, dass ich solche Farben benutze, aber es gibt auch viele männliche Künstler die bunt malen. Was bedeutet das, wenn Leute so was kommentieren müssen? Ich habe aber noch nie in einer Ausstellung gehört: „Das ist aber ein sehr männliches Bild!“ Je größer die Aufmerksamkeit wird, desto mehr habe ich das Gefühl mich durchsetzen zu müssen. Vor allem wenn man nicht eindeutig einzuordnen ist.

„Das sind so typische Mädchen Bilder.“

Was ist dein Rezept mit all dem umzugehen?
Mein Rezept ist, dass ich erst mal gute Arbeit mache, da kann mir erst mal keiner was haben. Ansonsten ist es immer wichtig ganz viel dickes Fell aufzubauen. Bei Projekten zum Beispiel ist es üblich Listen mit den Dingen, die man braucht raus zuschicken. Das kann bei einer Wand ein durchgängigen Untergrund sein oder das W-LAN zu Verfügung steht, ganz kleine Dinge. Mir ist schon häufiger passiert, dass ich dadurch die Zicke und die Diva bin. Bei Männern, das weiß ich von Freunden, ist es so: „Ach cool, der weiß was er will.“ Und nehmen ihn total ernst, auch wenn sie gar nicht alle Punkte der Liste realisieren können. Das erlebe ich ganz oft. Einfach nicht zu persönlich nehmen. Ich glaube Humor ist auch ganz wichtig, dass man es eben nicht zu ernst nimmt. Es macht sehr viel mit mir, dass ich bewusst als Frau auftrete. In meinem Alltag im Atelier kümmere ich mich sehr wenig darum, wie ich aussehe. Wenn es darum geht sich zu zeigen und vor allem in Verbindung mit der Kunst, werden auch gerne mal die hohen Schuhe ausgepackt. Das ist mir dann auch wichtig. Ich weiß nicht warum, aber ich finde es dann schön das zu zelebrieren.

Weißt du wer deine Bilder kauft?
Nee, nicht wirklich. Aber es sind vor allem Männer, die meine Bilder kaufen. Einmal ist was schönes passiert, da hatte ich eine Ausstellung in Köln. Da sind zwei Frauen eine halbe Stunde vor der Vernissage gekommen. Sie hatten angst, dass ein Bild weg ist was sie haben wollten. Das war super Feedback.

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Hast du ein Punkt, an dem für dich ein Bild zu ende ist?
Ja, auf jeden Fall. Ich kann aber auch ganz gut los lassen. Manchmal wenn ich ein Bild habe, dass ich so richtig geil finde, dann hängt es schon ein paar Wochen in meinem Atelier. Dann muss ich das angucken und freue mich daran, dann kann es aber auch weg. Für mich sind eher die Momente während ich das Bild male wichtig. Das ist mein ganz intimer Moment. Wenn es fertig ist, dann bin ich erleichtert und stolz. Es ist fertig, wenn es die Information hat, die es braucht um zu funktionieren. Ich vergleiche das mit Sprache. Man kann Sachen mit 5 oder mit einem Satz sagen. Ich bin jetzt noch bei den 6 Sätzen. Mein Ziel ist es, hoffentlich erst ganz spät in einigen Jahren, nur noch 1 Satz auf Papier zu bringen.

Gibt es eine Künstlerin, die du uns wärmstens ans Herz legst?
Mhh, also ich konsumiere Kunst, aber ich beschäftige mich nicht so viel mit anderen. Es gibt eine Künstlerin, Emma Webster heißt sie. Wir kennen uns nicht persönlich, sind aber seit 5 Jahren auf Facebook befreundet. Neulich stand ich bei einer Eröffnung in der Berlinischen Galerie und plötzlich spricht mich jemand an: „Hey, bist du Julia Benz?“ Da stand Emma vor mir, dass war cool. Sie ist eine ganz tolle Malerin, sie inspiriert mich sehr. Wir sind ungefähr gleich alt, sie ist nicht so bekannt, aber eine ganz tolle Malerin.

Du hast einen Wunsch frei. Allerdings, darf man es nicht monetär erwerben können. Was wünscht du dir?
Da wünsche ich mir Zufriedenheit und besten falls, dass ich anderen Zufriedenheit geben kann. Mehr will ich gar nicht. Zufriedenheit hat nichts mit Geld zu tun, oder wie oder wo man lebt. Das hat ganz viel mit einem selber zu tun. Ich habe dazu eine ganz interessante Anekdote. Eine Freundin fragte mich in einer Zeit, in der ich Liebeskummer hatte: „Warum malst du denn immer noch diese bunten Bilder? Deine Bilder sind immer so fröhlich. Ich glaube dir deine Bilder nicht.“
Ich habe darüber nachgedacht und gesagt „Ja, aber wenn ich Traurigkeit mit mir herum trage, warum muss ich sie dann auch noch malen? Warum soll ich dann auch noch auf etwas schauen, dass mich noch trauriger macht?“ Nein, ich male Sehnsucht! Einzelne Stellen in meinen Bildern machen mich glücklich. Im Endeffekt, scheißegal was ich male, wie es aussieht. Macht es mich zufrieden, macht es mich froh.

 

Danke Julia für deine Zeit und liebe Grüße an deinen süßen Hund. Wir wünschen dir viel Erfolg für deine kommende Solo Ausstellung:

DON’T HUG ME. I’m Scared.
16.09. bis 31.10.2016
Die Kunstagentin – Köln

 

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donnerknispel ist die Oberknispel. Mit anderen Worten: head of f#cking everything! Ich bin schon einige Zeit in diesem Inetrnet unterwegs. Wenn ich einmal alt bin und sterben werde, werden meine 100 Hundis mich auffressen...

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